Das Achieve Coaching Model®

Ziele dieses Artikels sind Beschreibung und Erläuterung der praktischen Anwendung des Achieve Coaching Model®. Coaches können dieses Modell nutzen, um ihre Coaching-Sitzungen professionell zu gestalten. Für den, der darüber nachdenkt, selbst einen Coach zu beauftragen, schafft die sachliche Beschreibung des Modells die erforderliche Transparenz.

Ein systematischer Ansatz für größere Wirksamkeit im Executive Coaching

Executive Coaching ist ein wirksames Instrument, dessen Einsatz nur noch selten in Frage gestellt wird. Dass die Ergebnisse noch viel wirksamer und nachhaltiger sein können, hat jetzt eine Studie in England „Coaching and Buying Coaching Services“ vom Chartered Institute of Personnell and Development belegt. Laut der Studie bedarf es dazu eines systematischen Ansatzes, der nicht nur die tägliche Praxis erleichtert, sondern auch dafür sorgt, dass Ergebnisse besser nachweisbar und damit auch besser kontrollierbar werden.

   Jeder, der neu ist im Coaching-Geschäft, fragt sich, mit welchen Methoden es erfahrene Coaches immer wieder schaffen, gute und auch messbare Ergebnisse zu erzielen. Diese Ergebnisse sind sicherlich zunächst eine Folge von gegenseitigem Vertrauen. Dieses Vertrauen kann nur geschaffen werden, wenn der Coach, die Einkäufer und auch die Klienten den Coaching Prozess überblicken und durchschauen. Die Transparenz des Coachingprozesses und eine klare Kommunikation schaffen zusätzliches Vertrauen. Um hier neben Erfahrungswerten auch belastbare Daten zur Verfügung stellen zu können, haben wir qualitative Best-Practice-Forschung betrieben und die eigenen Ergebnisse unserer Coachings systematisch ausgewertet. Um definieren und festhalten zu können, was tatsächlich in Coaching-Sitzungen passiert, wenn ein effektiv arbeitender Coach seiner Arbeit nachgeht, haben wir Transkripte und Videoaufzeichnungen von entsprechenden Coaching-Sitzungen in den USA, Großbritannien und Deutschland ausgewertet und umfangreiche Interviews mit Coaches und Klienten geführt.

   So haben wir zunächst identifizieren können, wie es den erfolgreichen Coaches gelungen ist, zu nachweisbaren Ergebnissen zu kommen und mit welchen Schritten sie Auftritt und Leistungen der Spitzenleute verbessern konnten. Kurz: Es ging darum, durch Desk Research und Interviews herauszufinden, was erfahrene Coaches konkret tun und welche Prozesse sie einsetzen. Dabei wurden verschiedene Coaching-Modelle auf den Prüfstand gestellt. Die Ergebnisse unserer qualitativen Best-Practice-Studie, unserer Desk Research und unserer eigenen internationalen Coaching Praxis, die sich ausschließlich auf den Bereich Executive Coaching konzentriert, haben zur Entwicklung eines neuen Coachingmodells, dem siebenstufigen „Achieve Coaching Models“®, geführt. Das Modell ist inzwischen in weltweit erfolgreichen Unternehmen eingeführt und bildet einen zentralen Aspekt unseres internationalen Executive Coachings.

   In jedem der sieben Schritte sind die Erkenntnisse und Erfahrungen der profiliertesten Coaches und unsere eigene Coachingpraxis eingeflossen. Wir haben versucht, auch die Verhaltensweisen herauszuarbeiten, die erfolgreiche erfahrene Coaches auszeichnen. Damit existiert ein wirkungsvolles Bezugssystem, das Coaches hilft, eine gute Basis zu schaffen sehr schnell einen hohen Wirkungsgrad zu erreichen. Dabei ist jedoch klar, dass dieser Prozess dennoch nur ein Teil des Systems ist.

Schritt 1: Verstehen der gegenwärtigen Situation

Zu Beginn der Coaching-Beziehung hilft es dem Manager, wenn er oder sie ihre Situation in der gebotenen Tiefe reflektiert, um zu einer stärkeren Selbsterkenntnis zu kommen. Auf diese Weise werden die Bereiche identifiziert, die angesprochen werden müssen, und es wird der Rahmen für die weitere Zusammenarbeit abgesteckt. Als bei weitem wichtigster Effekt in diesem Schritt wird auf diese Weite erreicht, dass der Klient über die Vergangenheit nachdenkt und die Verbindung erkennt, die seine heutige Situation kreiert haben. Dazu kommen Reflexionen der Einflüsse, die diese Erfahrungen auf die Interaktion mit anderen in Vergangenheit und Gegenwart (gehabt) haben mag.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Nutzen adäquater Analyse-Instrumente (ohne diese ausschließlich einzusetzen), um die Situation des Klienten zu verstehen.
  • Ausdrücken echter Anteilnahme am Leben des Klienten.
  • Zeit nehmen für die Entwicklung von Verständnis für die Situation aus der Perspektive des Klienten.
  • Genau zuhören, damit der Klient sich verstanden und geschätzt fühlt und entsprechend voll bei der Sache ist.
  • Aufbauen eines Gefühls von Zusammengehörigkeit und Wohlbefinden, was wiederum zu einem offenen und vertrauten Umgang führt.
  • Beobachten und Registrieren aller verbalen und non-verbalen Kommunikation.

Schritt 2: Gemeinsamens Brainstorming kreativer Alternativen zur gegenwärtigen Situation des Klienten

In dieser Phase erweitert sich die Perspektive des Klienten, und damit ergibt sich eine belastbare Basis für die Entwicklung kreativer Ansätze und für Veränderungen im eigenen Verhalten. Das Ziel sollte sein, dem Klienten zu vermitteln, welche und wie viele Möglichkeiten er hat, sich in einer herausfordernden Situation zu verhalten. Oft fühlen die Klienten sich besonders unwohl in einer Situation, in der sie das Gefühl haben, „fest zu stecken“ und sich weder nach vorne noch zurück bewegen können, weil einfach kein klarer Ausweg erkennbar ist. In einigen Situationen, vor allem in Zeiten mit erhöhtem Stress, können die Aussichten sehr begrenzt sein, was sich in dem bekannten „Tunnelblick“ manifestiert. Alles läuft in eine Richtung, und mehr oder weniger massive „Mauern“ verhindern das Einschlagen eines neuen Kurses. Ein Coach, dessen Arbeit nachweisbare Wirkung hat, befreit den Klienten aus dieser beengten Perspektive und eröffnet ihm neue Horizonte. Damit wird der Klient in die Lage versetzt, in den kommenden Schritten des Coaching-Prozesses produktiv mitzuarbeiten. Ohne kreatives Brainstorming setzt sich der Kreislauf persönlich destruktiver oder zumindest unproduktiver Verhaltensweisen weiter fort, weil das natürliche Beharrungsvermögen des Menschen dazu tendiert, immer wieder nach den gleichen Mustern zu handeln.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Einsetzen einer Vielzahl von Instrumenten und Techniken, um das eingefahrene Verhaltensmuster des Klienten zu durchbrechen. Damit kann auch eine ausweglos scheinende Situation neu beurteilt werden.
  •  Überraschen des Klienten mit kreativen und unerwarteten Fragen.
  • Brainstorming zur Entwicklung mehrerer bisher nicht erkennbarer Alternativen zur gegenwärtigen Situation, um neue Optionen prüfen zu können.

Schritt 3: Feinschliff der Zielsetzung

Im dritten Schritt lernt der Klient, bestehende Alternativen und Möglichkeiten zu individuellen Zielen zu machen. In diesem Stadium werden SMART-Ziele neu geschaffen oder bestehende Ziele verfeinert (Specific, Measurable, Achievable, Realstic, Time). Hier ist es von grundlegender Bedeutung, dass nach den Prinzipien effektiver Zielformulierung gearbeitet wird. Das ist erheblich schwieriger, als es anfangs den Anschein hat. Die meisten Manager kennen diesen Prozess aus der operativen Arbeit, haben ihn jedoch auf ihre eigene Situation in den seltensten Fällen angewandt. Es fällt den meisten auch sehr leicht, zu sagen, was sie nicht wollen. Als viel herausfordernder und belastender wird die Möglichkeit empfunden, die freie Wahl zu haben und zu formulieren, was man sich in der Tat wünscht oder was man in die Tat umsetzen möchte. Deshalb ist in diesem Schritt vorgesehen, dass der Coach Hilfestellung beim Formulieren der erwünschten Ergebnisse leistet.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Anhalten zum genauen Definieren und Formulieren der Ziele mit Hilfe positiver Begriffe.
  • Zeit nehmen, um SMART-Ziele zu brainstormen und zu entwickeln.
  • Enge Zusammenarbeit mit dem Klienten, um Ziele mit hoher persönlicher Relevanz und Motivationskraft zu entwickeln.
  • Sicher stellen, dass die erarbeiteten Ziele auch tatsächlich die Ziele des Klienten sind.
  • Entwickeln eines jeweils spezifischen Messinstruments zusammen mit dem Klienten, um zu einem Maßstab für die Zielerreichung bzw. zur Kontrolle der Zielerreichung zu kommen.

Schritt 4: Erarbeiten von Optionen zur Zielerreichung

Nachdem man sich für ein bestimmtes Ziel entschieden hat, muss es jetzt Inhalt des vierten Schrittes sein, eine Reihe von Wegen oder Methoden zu entwickeln, wie diese Ziele konkret erreicht werden können. An diesem Punkt geht es nicht darum, die „richtige“ Lösung zu finden, sondern darum, den Klienten soweit zu öffnen, dass er von selbst eine Menge Alternativen findet. Keiner dieser Optionen sollte jedoch, auch wenn sie völlig nahe liegend erscheint, die ganze Aufmerksamkeit zukommen. Es geht vielmehr in diesem Stadium darum, wirklich viele, wirklich neue, wirklich abwechslungsreiche Handlungsalternativen aufzuzeigen. Die Möglichkeiten, die hinsichtlich Umsetzung bestehen, können zunächst vernachlässigt werden.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Demonstrieren von Zuversicht und Vertrauen in den Prozess und mit dem Klienten nach Alternativen suchen, um das gewünschte Ziel auf einem der möglichen Weg zu erreichen.
  • Anwenden eines breiten Spektrums von Techniken und Befragungsmethoden zur Stimulierung des Klienten, der angeregt werden soll, seine eigenen Optionen zu verbalisieren.
  • Zeit und Raum geben, die es dem Klienten ermöglichen, kreativ über sich selbst und seine Optionen nachzudenken.
  • Sicher stellen, dass der Klient die herausgearbeiteten Optionen auch wirklich als seine eigenen annimmt.

Schritt 5: Systematische Evaluierung aller bestehenden Optionen

Sobald eine umfangreiche Liste von Optionen existiert, muss der Klient in diesem Schritt nun eine Bewertung und Priorisierung der Optionen vornehmen. Genau wie im vierten Schritt, wo es um den Feinschliff der Ziele geht, kann ein erfahrener Coach seinen Klienten hier dazu bringen, sich auf die für ihn richtigen Punkte zu konzentrieren. Ohne einen klar definierten Fokus wird es schwierig für den Manager, Kurs zu halten und tatsächlich weiterzukommen. Aus der Studie ging hervor, dass viele Manager zwar sehr fähig sind im Beurteilen von Optionen für ihr Geschäft unter dem Aspekt der Zielerreichung, aber nicht in der Lage sind, dieselben Techniken sinnvoll auf ihre eigene Situation und Karriere anzuwenden. Wenn die Dinge so liegen – und das kommt sehr häufig vor –, ist es die Aufgabe des Coaches, den Klienten an seine Kenntnisse zu erinnern, den Wert der im Geschäftsleben benutzten Methoden aufzuzeigen und den Klienten zu ermutigen, das Gelernte auch auf die persönliche Situation anzuwenden.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Den Klienten ermutigen, für ihn ganz persönlich sinnvolle Kriterien zu entwickeln, nach denen die bestehenden Optionen ausgewertet und evaluiert werden. Das ist wichtig, weil eine Entscheidung umso leichter fällt, je plausibler die Option sich darstellt.
  • Den Klienten anhalten, eine umfassende Bewertung der denkbaren Optionen vorzunehmen.
  • Sicher stellen, dass die wichtigsten Optionen und ihre genaue Bewertung schriftlich fixiert werden, sodass später auf die Dokumente zurückgegriffen werden kann.

Schritt 6: Entwurf eines validen Aktionsplans

In der Studie hat ein Coach es so ausgedrückt: „An dieser Stelle, beim Aktionsplan, liegt der Knackpunkt eines jeden Coaching-Prozesses.“ Tatsächlich wird in dieser Phase ein konkreter und sehr pragmatisch ausgestalteter Aktionsplan zum Dreh- und Angelpunkt des Coaching-Prozesses. Und damit wird auch einer der Hauptvorteile von Executive Coaching deutlich: Es ermöglicht Lern- und Entwicklungsprozesse „just in time“, genau dann, wenn bei einer bestimmten Person Handlungsbedarf besteht – eine Zielsetzung, die Gruppentrainings z.B. nicht bedienen können.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Den Klienten ermutigen, für ihn ganz persönlich sinnvolle Kriterien zu entwickeln, nach denen die bestehenden Optionen ausgewertet und evaluiert werden. Das ist wichtig, weil eine Entscheidung umso leichter fällt, je plausibler die Option sich darstellt.
  • Den Klienten anhalten, eine umfassende Bewertung der denkbaren Optionen vorzunehmen.
  • Sicher stellen, dass die wichtigsten Optionen und ihre genaue Bewertung schriftlich fixiert werden, sodass später auf die Dokumente zurückgegriffen werden kann.

Schritt 7: Ermutigung, das neue Verhalten auszuprobieren

Der siebte Schritt des Achieve Coaching Model sieht Coach und Klienten mehr als in den ersten Schritten des Prozesses als Partner. Es geht darum, die Ausführung der neuen Verhaltensschritte nach dem Aktionsplan zu ermöglichen. Der Coach muss also dazu ermutigen, aber auch dafür sorgen, dass die neue Tatkraft und die Motivation zwischen den Coaching-Sitzungen nicht abflauen. Ein Coach aus den USA erläuterte, dass die Ermutigung und das Aufrechterhalten der Motivation für die Ausführung des Aktionsplans absolut kritisch für den Prozess sei; bevor die neuen Verhaltensweisen komplett erlernt und angenommen sind, bleibe es schwierig. Manager, die mitten in einem Transformationsprozess stecken, brauchen Ermutigung und positive Verstärkung. Die Studie hat gezeigt, dass auch die kleinsten Schritte unterstützt werden müssen, weil gerade dadurch die Veränderungen in Gang kommen und sich verfestigen. Parallel dazu entwickelt sich beim Klienten ein neues Selbstvertrauen. Kumulative kleine Schritte, zu denen immer wieder ermutigt wird, sind der richtige Weg zu diesem Ziel, das durch Nachhaltigkeit gekennzeichnet sein soll.

Grundlegende Verhaltensweisen erfahrener Coaches

  • Demonstrieren kontinuierlichen Interesses an der Weiterentwicklung des Klienten.
  • Organisieren von regelmäßigen „Checks“ und „Follow ups“ im Zuge der weiteren Coaching-Sitzungen, um das Momentum nicht zu verlieren.
  • Während des gesamten Prozesses regelmäßig Maßnahmen ergreifen, die von vornherein Abhängigkeiten vermeiden und die Partnerschaft genau im richtigen Moment beenden.

Fazit

Es gibt kein Coaching ohne systematisches Vorgehen und klare Zielverfolgung. In diesem Zusammenhang waren die Ziele dieses Artikels Beschreibung und Erläuterung der praktischen Anwendung des Achieve Coaching Model. Coaches können dieses Modell nutzen, um ihre Coaching-Sitzungen professionell nach dem Modell der erfahrenen und erfolgreichen Coaches zu gestalten, ohne sich einem inflexiblen Regime zu unterwerfen, das mit ihrem persönlichen Stil kollidieren könnte. Für den, der selbst darüber nachdenkt, selbst einen Coach zu beauftragen und mit ihm zu arbeiten, schafft die sachliche Beschreibung des Modells die erforderliche Transparenz über das, was „im stillen Kämmerlein“ vor sich gehen wird. Auch bei der Evaluierung von Angeboten, die Coaches im Unternehmen abgeben, ist es vorteilhaft, mit Hilfe des Sieben-Schritte-Modells verstehen zu können, ob ein Coach einen rigorosen systematischen Ansatz verfolgt oder nicht.

Zusammenfassungen

Der Artikel stellt die Ergebnisse einer internationalen Best-Practice-Studie dar, die sich zum Ziel gesetzt hat, zu identifizieren, was erfolgreiche Coaches tun, um kontinuierlich nachvollziehbare Coachingergebnisse zu erzielen. Aus der Analyse der primären und umfangreichen sekundären Daten ist ein neues Coaching Model entstanden, das sich inzwischen auch in der internationalen Coachingpraxis bewährt hat — das Achieve Coaching Model®. Der Artikel stellt die sieben Stufen des Modells dar, belegt sie mit Informationen der Studie und internationalen Coaching Praxis und unterlegt mit der Darstellung konkreter Verhaltensweisen in jeder einzelnen Stufe, was Coaches dazu beitragen können, dass nachvollziehbare Coachingergebnisse erzielt werden.

Abstract: The “Achieve Coaching Model®”. A systematic approach to greater effectiveness in executive coaching.

   The article describes some of the results of an international best practice study that aimed to identify what successful coaches do to achieve consistent tangible coaching results. The analysis of the primary and secondary data resulted in a new coaching model, that has received international recognition and proved to be successful and valuable in practice — the Achieve Coaching Model®. The article describes the seven steps of the model, underpins it with information from the study and the authors international coaching practice and concrete behaviours of coaches that yielded continuously positive results in a coaching setting.

(Dembkowski, Sabine & Eldridge, Fiona (2006). Das „Achieve Coaching Model®“. Ein systematischer Ansatz für größere Wirksamkeit im Executive Coaching. OSC Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 2/06, Jg. 13/2006, S. 165–170)

 

 


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